17 Sep
Ein ungewöhnlicher Reisebericht oder
Papas Reise nach Shanghai
Nach seiner Pensionierung hatte mein Vater beschlossen zusammen mit seiner Schwester für einige Wochen nach China zu reisen, um ihren Ehemann zu besuchen, der dort für einige Zeit arbeitete.
Zunächst wurde mein Vater durch eine Verletzung gezwungen, das Vorhaben um zwei Monate zu verschieben. In dieser Zeit entwickelte sich, während seiner Rehabilitationsphase, eine tiefe Zuneigung zwischen seiner Therapeutin und ihm.
Die Zwiespältigkeit der Gefühle zwischen der Neugier auf ein fremdes Land und der Angst, die neue Liebe durch eine Trennung über tausende von Kilometern wieder zu verlieren, begleiten meinen Vater auf dieser Reise. Die Eindrücke im fernen Osten sind amüsant und die Gedanken an seine Liebe in Deutschland gefühlvoll beschrieben.
Die Abreise
Nun war es soweit. Lange geplant, immer wieder verschoben und letztendlich realisiert; seine Reise in das bevölkerungsreichste Land der Welt. Die überschwängliche Freude auf dieses Abenteuer hatte zwischenzeitlich einen großen Dämpfer erhalten, denn er hatte die Frau seines Lebens kennen gelernt und wollte keine Sekunde mit ihr missen.
Die Abreise verlief, wie sollte es auch anders sein, wenn zwei unerfahrene Provinzler auf Reisen gehen (so die Worte meines Vaters), ziemlich aufregend.
Schon beim Abflug auf dem Flughafen Bremen hatten sie Verspätung. Ein medizinischer Notfall an Bord des Flugzeuges nach Frankfurt verzögerte die Startzeit um eine Stunde und brachte eine gewisse Aufregung in ihren Terminplan. Der Anschlussflug von Frankfurt war zumindest gefährdet. Seine Schwester erinnerte meinen Vater immer mehr an seinen Vater, der auch bei Zuspitzung einer unangenehmen Situation ziemlich ungehalten und nervös wird. „Wann fliegen wir endlich los?“ war eine der immer wieder kehrenden Bemerkungen seiner Schwester. „Mensch das nervt“, dachte mein Vater und war froh, als ihr Transitflugzeug nach Frankfurt endlich abhob.
Am Ende war natürlich alle Aufregung umsonst und es lief darauf hinaus, dass sie ohne weitere Wartezeit die Maschine nach Shanghai erreichten. Das „Up-graden“ von Economyclass in die Businessclass als positive Folge ihrer späten Ankunft auf dem Rhein-Main-Flughafen, machten den Direktflug, allein schon wegen ihrer kleinen Wehwehchen im Rücken und in den Knien, sehr angenehm. Super-Service der Flugbegleiterin und die absolute Bequemlichkeit durch den hervorragenden Sitzkomfort (wie mein Vater schilderte) garantierten eine relaxte Ankunft in Shanghai.
Die Ankunft
Sein Schwager wartete schon freudig auf ihr Eintreffen, besonders auf meine Tante, die er schon einige Monate missen musste. Das wunderschöne Blumenbukett in seiner Hand symbolisierte, was er fühlte. Nach der international üblichen Begrüßungszeremonie (Umarmen, Schulter klopfen als Zeichen der Freude), wurde mein Vater auf die asiatische Zivilisation losgelassen.
Die allgemeine Kritik am Verkehrsverhalten der Deutschen im Bezug auf Disziplin und Geschwindigkeit im Straßenverkehr wird in Shaghai ad absurdum geführt. So auf alle Fälle war sein erster Eindruck während der Fahrt vom Flughafen zu deren Domizil. Was der Autofahrer hieran Aggressivität und Rücksichtslosigkeit auf der Straße erlebt, übersteigt jegliche europäische Vorstellungskraft. So kam, was kommen musste, wenn zwei verschiedene Welten im Straßenverkehr aufeinander treffen. Mein Vater möchte vorweg ausdrücklich betonen, dass sie am leichten Crashgleich nach ihrer Ankunft völlig unschuldig waren. Ein einheimischer Taxifahrer beabsichtigte sich in gewohnter Weise vorzudrängeln, um Platz für sich zu schaffen. Mit sanfter Gewalt versuchte er sie zu Wechsel der Fahrspur zu zwingen. Aber die uns Deutschen angeborene Ruhe, Geduld oder war es doch eher Sturheit, gemischt mit der allgemeinen Verkehrssituation, ließen ein ausweichen auf die rechte Fahrbahn nicht zu. Die seitliche Berührung beider Fahrzeuge war unumgänglich und führte zu einer in China allgemein üblichen lauten Debatte über die Schuldfrage. Gern wird gerade den Ausländern die Schuld zugeschoben. Unendliche Diskussion, Menschenauflauf! Waren sie doch für die Bürger Exoten, „Nagonis“, die an einem Unfall beteiligt waren. Wo blieb die Polizei? Die Verkehrssituation wurde immer unübersichtlicher. Staus in beiden Fahrtrichtungen und daraus resultierende Folgeunfälle machten das absolute Chaos perfekt.
Mein Vater setzte sich ins Auto, um etwas Ruhe zu finden.
Im Auto wanderten seine Gedanken nach Deutschland zu seiner großen Liebe: Ob sie auch an ihn denken würde? Hätte er doch lieber zu Hause bleiben sollen?
Das plötzliche Eintreffen der Polizei riss ihn sofort wieder raus aus seinen Träumen. Erst ein Polizist, dann noch ein zweiter und beide schienen dem herrschenden Chaos nicht gewachsen. Endlich kam Verstärkung in Form von zwei weiteren wichtig dreinschauenden Staatsdienern hinzu und es entstand ein Palaver, wie auf einem orientalischen Basar. Das alles bei glühender Hitze von mindestens 35 Grad. Da, endlich übernahm einer der Gesetzeshüter die Initiative und setzte sich über Funk vermutlich mit seiner Dienststelle in Verbindung, um sich weitere Instruktionen zu holen. Seine Mimik wurde streng dienstlich. Trotz unserer Versuche schlug eine sprachliche Kommunikation fehl. Allein die Gestik ließ erkennen, dass er zunächst einmal Papiere der am Unfall beteiligten Personen überprüfen wollte. Anschließend beäugte er den Schaden und hielt diesen, nach seiner Interpretation des Verhaltens für ziemlich gering und sich völlig zu unrecht herbeigerufen. Inzwischen war auch die von meinem Schwager eingetroffene Dolmetscherin eingetroffen und informierte sich bei ihnen über das Geschehene. Sie schilderte dem Polizisten ihre Darstellung des Unfallherganges, die sich offensichtlich von der Aussage des Taxifahrers ziemlich unterschied. Letztendlich gelang es ihr, deren Version glaubhaft zu vermitteln, denn auch Unfallskizze und Spuren an den Fahrzeugen belegten ihre Unschuld. Betrübt, um einige Yuan erleichtert und sichtlich verärgert verließ der Unfallgegner den Ort des Geschehens.
Ihre Weiterfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle und sie erreichten ihren bewachten Wohnpark. Zu ihrer Freude befand sich in der Wohnanlage ein großer Swimmingpool zur freien Nutzung. Genau das richtige, um sich etwas abzukühlen. Schwimmen, das ist allgemein bekannt, ist eine gesunde Art sein Körpergewicht zu reduzieren. Diese Tatsache passte genau in das Konzept, das mein Vater sich zurechtgelegt hatte, um eine Wette mit seiner Liebe u gewinnen. Er hatte Übergewicht und beschloss, die Zeit seines Aufenthaltes gleichzeitig zum Abnehmen zu nutzen. Als Anreiz hatte er mit seiner Liebsten vor dem Abflug ein Abkommen getroffen: Für jede 500 Gramm, die mein Vater abnehmen würde, würde sie als Gegenleistung eine Zigarette am Tag weniger rauchen. Wenn sein Plan gelingen sollte, würde sie sich wohl das Rauchen abgewöhnen müssen, davon war er überzeugt.
Nach der sportlichen Betätigung meldete nun auch sein Magen seine Anwesenheit an. Sein Schwager führte ihn an diesen Abend in die chinesische Esskultur ein und sie besuchten ein traditionelles Restaurant ganz in der Nähe ihres Domizils. Voller Erwartung betrat mein Vater die Stätte chinesischer Kochkunst, aber schon die Bestellung des Menüs erschien meinem Vater, als würde er in eine Art Zoo geführt. In Käfigen, Terrarien und Aquarien warteten schnatternde Enten, Schildkröten, Schlangen jeglicher Dicke und Länge, bunte Fische und allerlei anderes Getier darauf, verspeist zu werden. Mein Vater wurde übel bei der Vorstellung. „Ich rühre hier nichts an!“ Nur schnell raus hier, dachte mein Vater, als sein lieber Schwager, sichtlich über seine Reaktion amüsiert, mit einer Speisekarte winkte, die der europäischen Vorstellung von der chinesischen Küche wesentlich näher kam. Interessant wurde dann die Bestellung des Menüs, denn außer den chinesischen Schriftzeichen waren keine anderen Buchstaben auf der Karte zu erkennen. Elegant wurde dieses Problem gelöst. Ein freundlicher Bediensteter des Restaurants zeigte ihnen Bilder in Spielkartengröße, auf denen unter anderen ein Schwein, ein Rind und verschiedene Geflügel- und Gemüsesorten abgebildet waren. Für das Zusammenstellen seiner Mahlzeit zog mein Vater nun die entsprechenden Karten. Lob an den Koch des Hauses, denn die Speisen schmeckten ihnen vorzüglich. Das Essen mit Stäbchen hatte mein Vater prophylaktisch schon in Deutschland geübt und bereitete ihm keine Schwierigkeiten. Obwohl, da muss er einfach ehrlich sein, die Tischdecke nach seiner Abwesenheit einer dringenden Reinigung bedurfte.
„Jetzt ein gemütliches Bier trinken“, war der Tenor nach dem Essen. Wo geht man da hin, wenn man tausende von Kilometern von zu Hause entfernt ist? “Natürlich“ in einen „Irish Pub“ mit Stout und Ale. “Das Drei Millionen Volk“ von der grünen Insel im Westen Europas scheint sich tatsächlich über die ganze Welt zu verteilen, überlegte mein Vater. Gemütlich, ebentypisch Irisch, war das lokal eingerichtet. Das gezapfte Guinnes war richtig temperiert und perfekt eingeschenkt. Von dem in einem Pub in Irland nicht zu unterscheiden, fand mein Vater. Der erste Tag ging zu Ende. Es fing an zu regnen, das Bett rief, der Jetlag war noch nicht überwunden und mein Vater träumte von seiner Lieben zu Hause.
1. Tag
Gleich nach dem Aufwachen erster Blick auf das Handy. Neue Nachricht? Ja!! – Nein, doch nicht. Er hatte vergessen, die SMS vom Vortag zu löschen. Schade, aber bei einer Zeitverschiebung von sechs Stunden nicht anders zu erwarten.
Schon acht! Also Zeit für den Frühsport. Er war mit seinem Schwager zum Schwimmen verabredet. Sie wollten jeden Morgen vor dem Frühstück ihr Pensum absolvieren. „Tausend Meter, wie gestern Nachmittag?“ Fragend ging sein Blick zu seinem Schwager. „Wie gestern!“ Also hinein in den Pool, auch wenn es wehtat. Im Hinterkopf immer die Abmachung mit seiner Freundin.
Dann wurde es Zeit für das erste wohlverdiente Frühstück im fernen Osten. Der Tisch war typisch deutsch gedeckt, mit Brötchen, Wurst, Käse und Marmelade. Die Supermärkte einer französischen Handelskette in der Stadt ermöglichten es ihnen, neben den einheimischen Produkten, auch Lebensmittel aus Europa zu erwerben.
Entgegen aller chinesischen Gepflogenheiten, nahm auch die Hausangestellte, Ming Ping, an der Frühstücksrunde teil. Mit dem einzigartigen asiatischen Lächeln begrüßte ihn die hübsche Chinesin. Kurzes gegenseitiges Vorstellen in englischer Sprache. Versuch einer Konversation, die aber schnell ihre Grenze in den doch zu geringen englischen Sprachkenntnissen seiner Gesprächspartnerin fand (das ist durchaus nichts unübliche in China, denn trotz ihrer Neugier auf alles Westliche sprechen doch erstaunlich wenig Chinesen Englisch). So sah mein Vater seinen Part mehr darin, Komplimente zu verteilen und leichte Schmeicheleien über die ersten Eindrücke in China von sich zu geben.
Nach dem Motto: “Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“, stand gleich der erste Einkauf von Mitbringseln auf dem Plan. In einem riesigen Einkaufsviertel mit Kaufhäusern und kleineren Basaren stürzte mein Vater sich ins Gewühl. Die Ausbeute konnte sich sehen lasse: eine Rolex Armbanduhr, bei dem Preis sehr wahrscheinlich ein Imitat, zwei Handtaschen, ein Feuerzeug von Boss für… Hm?? Tja, für wen eigentlich? Egal, es war super günstig, einem Abnehmer dafür würde sich schon finden…
Seine Schwester war besonders von der schwarzen Handtasche angetan: „Ein super Kauf! Deine Freundin wird begeistert sein.“
Die Hitze machte meinen Vater zu schaffen und die Lust auf weitere Einkäufe schwand immer mehr. Also fuhren sie zurück in den Wohnpark und sprangen in den kühlenden Pool. 600 Meter sollten nach dem anstrengenden Einkaufsbummel genug sein, fand mein Vater. Es wurde Zeit für das Abendessen. Eine dampfende Terrine, mit einer für China nicht gerade typischen deftigen Erbsensuppe mit Würstchen, stand vor ihnen. Aus einer von seiner Schwester liebevoll geöffneten Dose von Erasco, aber immerhin auf einer chinesischen Herdplatte zum Kochen gebracht.
Nach dem Essen ein kurzer Blick auf das Handy: Keine Nachricht! Er brannte darauf von seinen Einkäufen zu berichten, also rief er kurzerhand in Deutschland an.
Für den Abend hatten sie sich für einen Bummel durch die Innenstadt Shanghais vorgenommen. Die faszinierende „City“ ist mit Worten kaum zu beschreiben. Der Besucher wird durch die leuchtende Farbenvielfalt der bunten Lichter der Straßen und Häuser überwältigt. Kunstvolle Türme und gigantische Hochhäuser, von Scheinwerfern angestrahlt, nahmen seine Augen in den Bann. „Eine irreale Welt, nicht von hier. Fiktion.“ – dachte er bei sich. Dazu die vielen Menschen in den Straßen, die von der Schönheit der Stadt wie Motten vom Licht angezogen zu sein schienen. „Nein, die Stadt hat nicht den Charme Wiens oder das Flair Londons, dafür aber eine prickelnde Ausstrahlung, die den Fremden fasziniert. Die Architektur ist aufregend, oft gewagt und nicht nur auf Zweckmäßigkeit ausgerichtet. Allein die Struktur des Fernsehturmes im Zentrum zeigt, wie kunstvoll auch ein solches Bauwerk errichtet werden kann.“
In einem der höchsten Gebäude der Stadt befand sich im 40. Stockwerk ein Hotel mit einer Panorama Bar. Von hier aus hatte er einen herrlichen Blick auf die berühmteste Straße im fernen Osten: „The Bount“. Die Skyline muss sich keinesfalls hinter der New Yorks verstecken; vielleicht ist sie noch nicht so bekannt, aber äußerst sehenswert.
Sein Schwager machte eine Filmaufnahme von dem Gesehenen. Hoffentlich ließen sich die Eindrücke auch nur andeutungsweise auf dem Film festhalten. An der Rezeption des Hotels hatte mein Vater Gelegenheit seine Grußkarten nach Deutschland abzuschicken. In China ist es durchaus üblich, Postsendungen am Empfang eines Hotels, wie bei einer heimatlichen Poststelle aufzugeben. Ein 24-Stunden-Service, praktisch für den Kunden.
Sitzen, schauen, staunen und genießen, untermalt durch dezente Klaviermusik von dem Pianisten der Hotelbar. Schön entspannend.
Sein Schwager, der während seines langen Aufenthaltes in China schon zigmal Gäste in die Szene geführt hatte, wollte unbedingt noch eine Disco besuchen. Als überzeugter Techno-Fan lud er seine Schwester und ihn, die an und für sich nur ganz normale Rock- und Popmusik konsumieren, in die bekannteste Disco der Techno-Szene der Stadt ein.
Seine Schwester war überhaupt nicht angetan von der Musikrichtung und erst recht nicht von dem „Gezappel“, wie sie es formulierte. Mein Vater mochte überraschender Weise die Musik und ihre animierende Wirkung auf seine Sinne. Es dauerte nicht lange, da wurde auch mein Vater, der kühle Mann aus dem Norden, mit dem Techno-Virus infiziert. Seine Schwester wollte zu deren Bedauern nicht lange bleiben. Sie gab vor, müde zu sein und drängelte zum Aufbruch. Die klügeren (wie mein Vater formulierte) gaben nach und das waren seiner Meinung nach er und sein Schwager. Sie beschlossen aber, die Disco noch einmal an ihrem Herrenabend aufzusuchen. Ein schöner Tag neigte sich dem Ende zu.
2. Tag
Ein sonniger Morgen. 27 Grad schon in der früh, machte seine angefangene Jogging Runde zur Qual. Dazu kamen Schmerzen im Kniegelenk und im Rücken. Abbruch! Lieber in den Pool und schmerzfrei Kalorien verbrauchen.
Die Sonne stand im Vergleich zu unseren heimischen Gefilden schon sehr hoch am Morgen. Das sichtbare Zeichen für die Nähe des Äquators.
„Heute wird es besonders heiß werden“, so die Prognose meines Schwagers, der das Klima hier gut kannte. Er sollte Recht behalten: 33 Grad und den ganzen Tag strahlender Sonnenschein.
Im Stadtkern der 18-Millionenstadt steht, mitten in einem See, das bekannteste Teehaus Chinas! Hier hatte schon Königin Elisabeth II, neben allerlei Prominenz aus Politik und Wirtschaft, mit chinesischen Offiziellen ihren Tee getrunken. Natürlich durfte mein Vater in dieser erlesenen Runde nicht fehlen! Dieses „Middle Lake Tea House“ von Shanghai ist nur über eine Zickzackbrücke zu erreichen. Dass der Zugang nicht direkt gewählt wurde, ist in dem Aberglauben der Chinesen begründet. Nach ihrer Ansicht können Dämonen und andere böse Geister nur geradeaus gehen und somit ist ihnen der Weg zum Teehaus verwehrt. Mein Vater hatte auf alle Fälle keine bösen Geister angetroffen.
Auf jedem Tisch im Inneren des Teehauses befanden sich kleine Schälchen, gefüllt mit in Sojasauce eingelegten Taubeneiern und mit schilfumwickelten, nicht näher definierbaren Fischen.
„Schöner Snack“, dachte mein Vater sarkastisch, muss aber im nach hinein gestehen, dass zumindest die Taubeneier sehr gut zum servierten faden grünen Tee passten. Der Fisch blieb aber indiskutabel für ihn. Königlich war dann die Rechnung, dem Ambiente angepasst, dafür aber, nach Vermutung meines Vaters, absolut Dämonen frei.
Weiter ging es zum YU Yuan-Garten, ein gut erhaltener Steingarten des Beamten, der hier vor 1600 Jahren „regierte“ und die Machtbefugnisse eines Stadthalters hatte. Bei uns in Deutschland vergleichbar mit der ursprünglichen Macht eines Fürsten. Der Garten war wunderschön angelegt. Imponierend die darin errichteten Gebäude, die als Residenz für den Stadthalter und als Empfangsdomizil für wichtige Gäste der Stadt dienten. Zwei gefährlich aussehende, Feuer speiende Steindrachen schlängeln sich aus der Mauer um die Anlage und beschützen symbolisch dieses Anwesen. Genug Kultur für heute!
Eine der vielen Einkaufstrassen, ganz in der Nähe, mit unzähligen kleinen Geschäften, Basar ähnlich angeordnet, war ihr nächstes Ziel. Uhren standen an dem Tag ganz oben auf ihrer Einkaufsliste. „Fakes“, wie die täuschend ähnlichen Imitate führender Hersteller genannt werden, von echten Markenuhren kaum zu unterscheiden. „Wertvolle“ Stücke wechselten schnell ihren Besitzer.
Auf der Heimfahrt wurde mein Vater von seinem Schwager in die Kunst des „Chinesischen Schattenfahrens“ eingewiesen. Eine hervorragende Methode, um sich bei „roter“ Ampel, anwesender Polizei und fließendem Querverkehr eine Möglichkeit zu schaffen, gefahrlos und ohne Strafe eine Kreuzung zu überqueren. Es war interessant zu sehen, dass fast jede Kreuzung von mindestens einem Polizisten autoritär beherrscht wurde. Egal was passierte, der Polizist hatte immer Recht. Das Prinzip der eben angesprochenen Fahrweise ist ganz einfach. Auf den meist vierspurigen Hauptverkehrsstraßen hält man sich zunächst rechts. Sieht man links vor sich einen LKW fahren, der noch gerade in die Kreuzung einfährt, bevor sie auf „rot“ schaltet, muss man schnell die Geschwindigkeit erhöhen und sich flink neben dieses Fahrzeug setzen. Im Schatten des LKW von dem Polizisten nicht einsehbar, kann man trotz roter Ampelführung und anfahrenden Querverkehrs gut geschützt die Kreuzung überqueren. Danach wird die Geschwindigkeit nochmals erhöht, dann überholt man den LKW und setzt zügig die Fahrt fort.
Eine Zeit sparende Methode, zur Nachahmung in Deutschland nicht zu empfehlen. Das frühzeitige Erreichen des Hauses, eine Folge der genialen Beherrschung der eben ernannten Fahrweise durch seinen Schwager, ermöglichte es ihnen noch vor dem Abendessen Schwimmen zu gehen. Ihre regelmäßige sportliche Betätigung im Schwimmbecken erweckte anscheinend das Interesse der chinesischen Anlieger der Wohnanlage. Immer mehr Zuschauer beobachteten ihre Aktivitäten im Wasser. Die Damen vom Empfang des nahen Hotels, die Mitarbeiterin vom benachbarten Restaurant und Offizielle vom Betreiber des Schwimmbades studierten die verschiedenen Arten ihrer Fortbewegung im Wasser. Seine Vermutung, dass sie eigens gekommen waren, um das Geschehen später bei ihren eigenen Schwimmübungen umzusetzen, war reine Spekulation. Die Theorie des Schwagers, dass das Interesse eher dem ausgeprägten Bauch meines Vaters galt, wollte mein Vater sich nicht anschließen.
Am Abend ging es dann in das höchstgelegene Hotel der Welt! Im 54. Stock zu speisen und gleichzeitig einen herrlichen Rundblick auf das bunte Treiben der Stadt zu haben, lenkte ihn ein wenig von dem einsetzen Heimweh ab. Shanghai hatte ihn in seinen Bann gezogen. Faszinierend! Einmalig schön. Aufregend bunt. Ihm fehlten die Worte.
Ein kleiner Drink im irischen Pub, der ihnen wegen seiner gemütlichen Atmosphäre besonders gut gefiel, sollte ihren ruhigen Abend beschließen.
„Die Welt ist kleiner, als man denkt!“ als Ausdruck eines zufälligen Zusammentreffens von Menschen an den unmöglichsten Stellen, bewahrheitete sich wieder einmal beim Betreten des Pubs. Denn wer spielte „Irish Folk“ auf einer Mandoline auf einer kleinen Empore des Lokals? John! – John aus Cork im Südwesten Irlands, den Seine Schwester und sein Schwager vier Jahre zuvor, als sie mit den Eltern Irland besuchten, näher kennen gelernt hatten. Ein Musiker Kollege meines Bruders, der sich zur Erweiterung seines musikalischen Horizonts einige Jahre in Irland aufhielt. Die Begrüßung war herzlich und die Freude, sich nach einigen Jahren gerade in China wieder zu sehen, war überschwänglich.
Mein Vater fiel ein, dass er sich zwischenzeitlich ein „Zuhälter out-fit“, wie sein Schwager es scherzhaft nannte zugelegt hatte. Es bestand aus einer schwarzen Hose, schwarzes Designer T-Shirt, „coole“ Sonnenbrille, schwarze Rado Armbanduhr und dazu passende schwarze Schuhe. Dass mein Vater in dieser Aufmachung in der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Leute erregte, war ihm klar und gewollt. Seine Schwester und sein Schwager waren von seinem neuen Charisma sichtlich angetan und bestanden darauf, dass er dieses Image für den Rest seines Aufenthaltes pflegen sollte, was ihm natürlich nicht gelang.
3. Tag
Bereits um sieben Uhr wurde mein Vater am Morgen wach. Sein sofortiger Blick auf sein Handy zeigte an, das noch keine SMS von seiner Lieben eingetroffen war. Wegen der Zeitverschiebung ja auch kein Wunder, denn es war ja schließlich erst ein Uhr Morgens in Deutschland…
Die allmorgendliche Zeremonie, Schwimmen zu gehen und anschließend zu Frühstücken, nahm ihren Lauf. Zwölf Uhr. Zeit einen Weckgruß nach Deutschland zu schicken. In Sekundenschnelle, tausende von Kilometern entfernt…
Der dritte Tag sollte einzig und allein der Entspannung dienen. Karten schreiben, seine Aufzeichnungen über das Erlebte machen und bei 37 Grad auf der Veranda liegen, um seinen „astralen“ Körper in der Sonne zu bräunen.
Sein Schwager hatte bis sechs Uhr Dienst. “Vorbereitung für den Besuch eines Vorgesetzten aus Deutschland, der zusammen mit seinem Nachfolger morgen hier im Werk erwartet wird“, erzählte er ihm.
Seine Schwester beschäftigte sich den ganzen Tag damit, den Umzug von China nach Deutschland vorzubereiten. Es blieben nur noch wenige Wochen, bis die Mission seines Schwagers dort in Shanghai beendet war.
Nach dem gemeinsamen Abendessen beschlossen mein Vater und sein Schwager ihren Herrenabend zu nehmen, zu mal seine Schwester noch viel zu erledigen hatte. Mein Vater hatte das Gefühl, dass sie sichtlich erleichtert war, die beiden für en Abend los zu sein, um ungestört arbeiten zu können.
Sie besuchten zunächst das „Paulaner“, eine Stätte deutscher Bierkultur in Shanghai. Die Architektur des Brauhauses war ähnlich wie in Deutschland. Vielleicht für ein bayrisches Ambiente zu modern gestaltet. Aber es hatte schon etwas Heimisches und wurde von den Chinesen gern besucht. Auf drei Ebenen wurde selbstgebrautes Hefeweizen und typisch bayrisches Bier ausgeschenkt. Die Getränke schmeckten vorzüglich. Das Haus war gut besucht. Die ausgelassenen Gäste schunkelten und tanzten zu dem vorgegebenen Takt der Live-Band. Als erster Anlaufpunkt für einen Herrenabend einfach ideal.
Gut gelaunt machten die Beiden sich auf in Richtung „Techno-Schuppen“, wie sie die bekannteste Disco der Techno-Szene Shanghais total untertrieben nannten.
Gleich am Eingang wurden die Gäste vom Personal kontrolliert. Das Durchschnittsalter der Besucher schätzte er nicht höher als 25 Jahre. Das Personal an der Kasse schaute ihn erstaunt an, als ob er sich verlaufen hätte. Das änderte sich schlagartig, als er sein Gesicht hinter seine Techno-Brille versteckte und sich cool auf der Tanzfläche zu bewegen begann. Zunächst noch etwas verkrampft und später immer freier wurden seine Bewegungen. Für ihn eine Art „Abend Aerobic“, denn Tanzen ohne Partnerin zu Techno-Rhythmen ist durchaus üblich und sehr anstrengend. Die hohe Luftfeuchtigkeit und die große Hitze, die auf der Tanzfläche herrschte, dazu die vielen ungewohnten Bewegungen brachten ihn ins Schwitzen. Als selbst das T-Shirt die Scheißtropfen nicht mehr aufnehmen wollte, war es Zeit für ihn, eine Pause einzulegen. „Durchhalten, noch ein Fünfer-Pack“, rief sein Schwager ihm zu. Aber sein Rücken begann zu schmerzen und zwang ihn sofort aufzuhören.
„Ein „Absacker“ noch im „Manhattan“, der ältesten bar Shanghais?“, kam die Frage von seinem Schwager. „Einen noch, aber wirklich nur einen!“
Die Bar war ein beliebter Treffpunkt für Nachtschwärmer aus aller Welt, die sich in Shanghai aufhielten. Zu ihrer Überraschung war auch John in Begleitung einer jungen Dame dort eingekehrt. „Hello, may I introduce to my daughter Shirley. She arrived at the airport tonight“, stellte uns John seine Tochter vor, die am Abend in Shanghai eingetroffen war. Sie war für zwei Wochen als Sängerin im „Irish Pub“ engagiert worden und sollte mit ihrem Vater zusammen die Gäste unterhalten. Eine hübsche, sympathische junge Frau.
Es gab so viel zu erzählen, dass der Vorsatz nur noch ein Bier trinken zu wollen, weit nach hinten rutschte. Folglich waren beide erst um 4 Uhr zu Hause…
4. Tag
Entsprechend spät wachte mein Vater an diesem Morgen auf. Gerade noch früh genug, um seien morgendlichen Weckruf nach Deutschland zu senden. Anschließend wie jeden Morgen ab ins Schwimmbad. Die Pfunde sollten rollen. Der Bademeister begrüßte die beiden Männer ironisch, aber durchaus herzlich, mit: „Good evening gentlemen!“ und konnte seine Neugier, warum wir heute erst so spät zum Schwimmen gekommen waren kaum verbergen. Die Zeremonie nahm ihren Lauf, auch die Stammzuschauer hatten schnell ihre Plätze eingenommen.
Nachdem „Brelundi“, den Begriff hatten sie aus dem nicht stattgefundenen Breakfast, dem verspäteten Lunch und dem verfrühten Dinner kreiert, wollten sie für meinen Vater eine neue Hose kaufen. Die sportliche Betätigung trug langsam Früchte und mein Vater glaubte bemerkt zu haben, dass seine mitgebrachten Hosen etwas zu rutschen begannen.
Es war ein schweres Unterfangen, das Vorhaben in die Tat umzusetzen, aber irgendwie hatten sie es geschafft endlich eine Hose zu bekommen.
Die große Schwierigkeit liegt darin, dass seine Konfektionsgröße in China kaum benötigt wird. Unzählige Bekleidungsgeschäfte hatten sie bereits aufgesucht. So manches Mal erntete mein Vater einen mitleidigen Blick der Verkäuferinnen und immer wieder das Bedauern: „Solly, not youl Size!“ Andere Angestellte waren wiederum amüsiert und meinten humorvoll: „Solly, not fol Buddhas.“
Interessant waren auch die Anproben. Die meisten Umkleidekabinen waren mal eben so groß wie zwei übereinander gestellte Teekisten! Die Luft staute sich in ihnen und es herrschte eine Gluthitze. Mein Vater war immer wieder froh diese „Mini-Saunen“ schnell wieder verlassen zu können. Letztendlich wurde die lange Suche mit Erfolg gekrönt. Er fand ein passendes Unikat von der Stange, vermutlich die einzige Hose in der Größe in ganz Shanghai.
Das von seiner Schwester delikat zubereitete Abendessen, Labskaus mit saurer Gurke, war nicht gerade urtypisch für diese Region, schmeckte aber als Abwechslung zur chinesischen Küche sehr gut.
Sein Schwager hatte für diesen Abend eine Verabredung mit einem Kollegen und dessen Frau getroffen. Treffpunkt war natürlich wieder einmal der irische Pub. Ein Taxi brachte sie zu dem vereinbarten Treffpunkt. Sie wussten, dass Shirley und John an diesem Abend ihren ersten gemeinsamen Auftritt hatten. Das Pärchen schien schon etwas länger auf sie gewartet zu haben, denn sie hatten schon vier „Irish Coffee“ getrunken und waren dem entsprechend in guter Stimmung, als sie eintrafen. Die Quittung für unsere verkehrsbedingte Verspätung bekam mein Vater prompt am eigenen Leib zu spüren, denn gleich bei der stürmischen Begrüßung schüttete ihm die Ehefrau des Kollegen ein volles Glas mit der heißen irischen Spezialität auf seine mit so viel Mühe und Schweiß erworbenen Hose…
test
26 Mrz
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